Risikoidentifikation auf landwirtschaftlichen Betrieben
Eine der größten Herausforderungen im Risikomanagement ist häufig die Identifikation von Risiken, d.h., ein Risiko überhaupt als ein solches zu erkennen. Landwirtschaftliche Betriebe werden zumeist mit einer ganzen Reihe von Risiken aus den unterschiedlichsten Bereichen konfrontiert, die häufig zusammenhängen, wie z.B. ungünstige Witterungsbedingungen in Verbindung mit Pflanzenkrankheiten.

Methoden der Risikoidentifikation:
In der ersten Phase des Risikomanagements, der Risikoidentifikation, werden alle für das Unternehmen relevanten aktuellen und zukünftigen Risiken erhoben und eingeordnet. Dabei ist es wichtig, die Risikoidentifikation strukturiert und fokussiert anhand der Ziele und Strategie des Unternehmens auszurichten, da sonst existenzbedrohende Risiken evtl. übersehen werden. Der Prozess der Risikoidentifikation ist eine kontinuierliche Aufgabe, für die die Verantwortung eindeutig definiert sein sollte.
Es stehen verschiedene Methoden zur systematischen Risikoidentifikation zur Verfügung, wie z.B.:
- Unternehmensanalysen:
- Besichtigungsanalyse: Betriebsbesichtigung zur Beobachtung des realen Geschehens, z.B. identifizieren von Brandrisiken, Arbeitssicherheit…
- Organisationsanalyse: Risiken aus einer unzureichenden Aufbau- und Ablauforganisation, z.B. Getreideernte, Herdenmanagement, etc. aufdecken
- Dokumentationsanalyse : Risiken aus Verträgen, Behördenbescheiden, Planungsunterlagen, betrieblichem Rechnungswesen etc. aufdecken
- Umfeldanalysen:
- Beobachtung externer Faktoren, wie Marktgeschehen, Agrarpolitik, Finanzwirtschaft, Wettbewerb (Benchmark), etc.
- Trend- und Prognosestudien für Preise, Politik etc.
- Experten- und Mitarbeiterbefragungen:
- Brainstorming: Ideen spontan und ohne jegliche Bewertung oder Kritik äußern und sammeln und anschließend auswerten. Jedoch: Gefahr der Fehleinschätzungen und Ansammlung von „Datenbergen“ relativ groß.
- Strukturierte Mitarbeiterbefragung, z.B. mit Hilfe eines Fragenkatalogs, um Verfälschungen durch beispielsweise Überschätzung aktueller Ereignisse im Verhältnis zu weniger akuten, jedoch bedeutenderen Risiken entgegen zu wirken.
- Expertenbefragung für eine objektive Risikoidentifikation (z.B. neutrale externe Berater mit entsprechendem Fachwissen, Zusammenarbeit mit Landwirtschaftskammern, Universitäten, etc.)
- Prüflisten: systematische Risikoerhebung anhand einer Checkliste. Diese Methode eignet sich als Anfang, allerdings sind derartige Listen häufig unvollständig und zu unflexibel.
Für einen besseren Überblick und die Strategieentwicklung ist es hilfreich, die identifizierten Risiken den verschiedenen Risikoarten zuzuordnen.
Risikoarten
Unternehmensrisiken lassen sich zunächst in externe und interne Risiken unterscheiden. Risiken werden als extern bezeichnet, wenn sie von außen auf ein Unternehmen einwirken und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit kaum bis gar nicht beeinflusst werden kann. Als intern werden Risiken bezeichnet, die überwiegend im Unternehmen selbst entstehen und häufig durch innerbetriebliche Maßnahmen gesteuert werden können.
Die bedeutendsten externen Risiken sind:
1) Preis- und Marktrisiken auf Grund von Preisschwankungen, Angebots-/Nachfrageveränderungen oder Krisen durch z.B. Tierseuchen.
2) Politikrisiken durch Änderungen in der Agrar-, Umwelt-, Steuerpolitik u. a., die sich negativ auf das Einkommen der Landwirte auswirken (z.B. Kürzung der Direktzahlungen).
Im Bereich der internen Risiken sind vor allem Folgende zu nennen:
1) Produktionsrisiken: Unsicherheit über Erträge und Leistungen in der Pflanzen- und Nutztierproduktion durch Witterung, Krankheiten/Seuchen, Managementfehler.
2) Finanzrisiken: Verfügbarkeit von Krediten, Zins- und Wechselkursentwicklung, mittel- bis langfristige Bindung der investierten Mittel, steigender Verschuldungsgrad etc.
3) Personenrisiken: Unfallgefahr, berufsbedingte Erkrankungen, mangelnde Verfügbarkeit von (qualifiziertem) Personal, Motivationsprobleme etc.
4) Anlagerisiken: direkte Kosten durch z.B. Betriebsunterbrechung oder Wiederaufbau-/Entsorgungskosten nach einem Brand, zunehmender Einsatz von Groß- und Spezialmaschinen etc.
Abbildung 1: Interne und externe Risiken im landwirtschaftlichen Betrieb

Ein weiteres Beispiel für mögliche Risiken der Milchproduktion zeigt die nachfolgende Tabelle der identifizierten Risiken des Workshops der AVS-Konferenz 2011:

Im Anschluss an die Identifikation der Risiken folgt in der 2. Phase des Risikomanagements die Bewertung und Aggregation der einzelnen Risiken. Den Artikel dazu lesen Sie hier: Risikobewertung & Aggregation - bedeutende Risiken auf Milchviehbetrieben.
Artikel geschrieben von M.sc. agr. Johanna Einerhand, Marketing Assistenz Alta Genetics
Quellen:
Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Präsentation
Schaffnit-Chatterjee, C. (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft – Auf dem Weg zu marktorientierten Lösungen in der EU“, Hrsg.: Deutsche Bank Research
Schaper, C. et al. (2008): „Risikomanagement in Milchviehbetrieben: eine empirische Analyse vor dem Hintergrund der sich ändernden EU-Milchmarktpolitik“ in „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Hrsg.: Landwirtschaftliche Rentenbank, Schriftenreihe Band 23
Teia AG: Onlinekurs „Unternehmensführung“ unter www.teialehrbuch.de, abgerufen am 29.08.2011
Wurst, T. (2011): „Risikomanagement und Unternehmenswachstum“ Workshop der AVS-Konferenz 02.2011






