Info's &TippsMilchwirtschaftManagementRisikobewertung & Aggregation – bedeutende Risiken für Milchviehbetriebe Risikobewertung & Aggregation – bedeutende Risiken für Milchviehbetriebe
Die in der ersten Phase des Risikomanagements identifizierten Risiken werden im nächsten Schritt bewertet und anhand der Bewertung wird der Handlungsbedarf abgeleitet. Dafür stehen verschiedene Bewertungsmethoden zur Verfügung. Allerdings stößt die Risikobewertung dabei immer wieder auf Probleme durch subjektive Einschätzungen und unerkannte Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Risiken.

Quantitative Bewertung
Die quantitative Risikobewertung hat das Ziel, für die verschiedenen Risiken einen objektiven, finanziellen Wert zu berechnen, sowie die Wahrscheinlichkeitsverteilung für jedes identifiziertes Risiko zu ermitteln, um so eine möglichst realitätsnahe Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Zudem kann aus den berechneten Einzelrisiken ein Gesamtrisiko für das Unternehmen abgeleitet werden. Jedoch ist diese Methode häufig mit einem enormen Zeit- und Kostenaufwand verbunden und erfordert spezifische Kenntnisse und Erfahrungen, weshalb die Einbeziehung von Experten empfohlen wird. Im Regelfall kommt deshalb die qualitative Risikobewertung zum Einsatz.
Qualitative Risikobewertung
Die qualitative Risikobewertung hat den Vorteil, dass ihr Arbeits- und Zeitaufwand relativ gering ist. Bei dieser Methode wird das jeweilige Risiko anhand seiner Eintrittswahrscheinlichkeit und voraussichtlichen Schadenshöhe bewertet. Diese beiden Größen sollten möglichst anhand objektiver Daten (z.B. Statistiken, Zeitreihen) bestimmt werden. Häufig stehen diese jedoch nicht zur Verfügung, so dass auf eine subjektiv beschreibende Bewertung zurückgegriffen wird, wie z.B. „sehr wahrscheinlich – unwahrscheinlich“ und „existenzbedrohend – unbedeutend“. Diesen Begriffen wird zur weiteren Berechnung ein Zahlenwert zugeordnet, wodurch die identifizierten Risiken zudem auf eine einheitliche Zielgröße gebracht werden.
Die Risikobewertung kann z.B. vom Betriebsleiter und/oder seinen Mitarbeitern vorgenommen werden. Als Hilfsmittel kann u.a. eine Relevanz-Skala verwendet werden, anhand der die Risiken eingeschätzt werden. Auch der Einsatz von betriebsinternen/externen Daten und Statistiken wird empfohlen, sofern diese zur Verfügung stehen. Aus der Eintrittswahrscheinlichkeit und der Schadenshöhe wird im Weiteren der Erwartungswert errechnet und mit Hilfe dessen der Handlungsbedarf eingeschätzt.
Formel zur Risikobewertung:
Erwartungswert des Risikos = Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe
Tabelle 1: Beispiel für eine qualitative Bewertung identifizierter Risiken
durch die Teilnehmer der AVS-Konferenz 2011

Tabelle 1 ist zu entnehmen, dass die Risiken schwankender Preise als die bedeutendsten eingeschätzt werden. Aufgrund der aktuellen Markt- und Politikentwicklungen wird ihre Eintrittswahrscheinlichkeit als sehr hoch eingestuft und ebenso ihre Schadenshöhe. Bei dieser Form der Risikobewertung ist jedoch darauf zu achten, dass Risiken nicht mehrfach genannt werden. In Tabelle 1 beinhaltet das Risiko der steigenden Produktionskosten z.B. auch das Risiko der steigenden Produktionsfaktorpreise wie für Futtermittel (und Pacht-/Grundstückspreise).
Ein weiteres Beispiel für eine qualitative Risikobewertung ist in Tabelle 2 abgebildet. Hier wurde für die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Schadenshöhe (bzw. –auswirkung) die gleiche Skala verwendet. Zudem ist jeweils die Standardabweichung angeben sowie der Rang der Wichtigkeit im Vergleich der einzelnen Kriterien.
Tabelle 2: weiteres Beispiel einer qualitativen Risikobewertung (Quelle: Rentenbank)

Vergleicht man die beiden Tabellen ist zu erkennen, dass die Bedeutung der einzelnen Risiken unterschiedlich eingeschätzt wird. Dies zeigt zum einen, dass ein Risikomanagementsystem individuell auf jeden Betrieb abgestimmt werden sollte und zum anderen, dass der Einfluss subjektiver Einschätzungen sehr hoch sein kann. Deshalb ist eine umfassende Informationssammlung aller Beteiligten über die einzelnen Risiken sehr empfehlenswert.
Warum ist es sinnvoll eine Riskmap zu erstellen?
Leitet man den Handlungsbedarf lediglich von der Rangierung der Risiken nach dem errechneten Erwartungswert des Risikos (bzw. dem Gesamtrisikowert) ab, kann dies zu Fehlinterpretationen führen, da sich z.B. gleiche Erwartungswerte aus unterschiedlichen Schadenshöhen und Eintrittswahrscheinlichkeiten zusammen setzen können.
Beispiel:
Eintrittswahrscheinlichkeit 50% x Schadenshöhe 1 = 50
Eintrittswahrscheinlichkeit 10% x Schadenshöhe 5 = 50
Ein Risiko mit höherer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber geringer Schadenshöhe (z.B. Wegfall der Quote) ist meist anders zu bewerten, als ein Risiko mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit aber hoher Schadensauswirkung, wie z.B. der Ausfall des Betriebsleiters.
Deshalb ist es sinnvoll die bewerteten Risiken in einer Riskmap zu visualisieren und nach ihrer Relevanz einzuteilen. Nachfolgend sind einige mögliche Risiken für Milchviehhalter dargestellt, die im Workshop der AVS-Konferenz 2011 identifiziert und bewertet wurden.
Abbildung 1: Abgeleitete Riskmap aus den identifizierten und bewerteten Risiken
der AVS Konferenz 2011
Es bietet sich an, anhand dieser übersichtlichen Darstellung der verschiedenen Risiken ein Programm zur Risikobewältigung zu entwickelt, mit dem die Risiken bis in einen akzeptablen Bereich hinein begrenzt und überwacht werden können. Dabei gilt: Risiken, deren Handlungsbedarf als geringfügig eingestuft wird, müssen weiter beobachtet werden, während für Risiken mit hohem Handlungsbedarf geeignete Abwehrmaßnahmen entwickelt werden müssen. Risiken, die über Versicherungen abgedeckt sind, zählen in diesem Prozess nicht mehr als Risiko.
Abbildung 2: Beispiel für eine Riskmap mit eingezeichnetem Akzeptanzbereich für Risiken

Die in Abbildung 2 gezeigte Akzeptanzlinie ist lediglich ein Beispiel. Ihr Verlauf ist abhängig von der Risikopräferenz des Landwirts. Sie könnte beispielsweise auch diagonal von der höchsten Schadenshöhe (5) zur höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit (100%) verlaufen.
Risikoaggregation
Bisher wurden lediglich die einzelnen Risiken betrachtet und Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Risiken nicht berücksichtigt. Es kann jedoch vorkommen, dass das Zusammentreffen mehrerer kleinerer Risiken zu einem großen existenzgefährdenden Risiko für den Betrieb führt oder auch, dass Risiken sich gegenseitig aufheben. Deshalb ist es sinnvoll eine Aggregation der Risiken eines Betriebes vorzunehmen, um das Gesamtrisiko des Betriebes und eine angemessene Eigenkapitalausstattung zur Deckung eventueller Verluste zu bestimmen. Hierbei ist zu beachten, dass die einzelnen Risiken aufgrund der Wechselwirkungen nicht einfach addiert sondern aggregiert werden.
Allerdings ist die Risikoaggregation relativ kompliziert und häufig nur mit Hilfe von Simulationsmodellen durchzuführen. Ein geeignetes Simulationsmodell ist die Monte-Carlo Simulation (durchführbar in Excel). Dabei werden die Wirkungen der Einzelrisiken den entsprechenden Posten der Gewinn- und Verlustrechnung zugeordnet. Dann werden einige tausend Simulationsläufe für ein Geschäftsjahr durchgespielt und mit Hilfe von Zufallszahlen eine repräsentative Stichprobe sämtlicher möglicher Risikoszenarien generiert. Das Ergebnis ist eine aggregierte Wahrscheinlichkeitsverteilung, anhand der der maximale Höchstschaden abgelesen werden kann.
Nachdem nun die verschiedenen Risiken für landwirtschaftliche Betriebe identifiziert, bewertet und aggregiert wurden, kann anhand dieser Ergebnisse eine Strategie zur Risikosteuerung entwickelt werden. Welche Instrumente dafür zur Verfügung stehen, erfahren Sie in diesem Artikel: "Risikosteuerung - wie können Risiken in der Landwirtschaft gesteuert werden?"
Artikel geschrieben von M.sc. agr. Johanna Einerhand, Marketing Assistenz Alta Genetics
Quellen:
Gleißner, W., Meier, G. (2001): „Wertorientiertes Risiko-Management für Industrie und Handel“, Hrsg.: Gabler Verlag
Microsoft Deutschland GmbH (2004): „Leitfaden zum Sicherheitsrisikomanagement“, abgerufen am 6.9.2011: http://www.microsoft.com/germany/technet/datenbank/articles/900302.mspx
Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Präsentation
Schaffnit-Chatterjee, C. (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft – Auf dem Weg zu marktorientierten Lösungen in der EU“, Hrsg.: Deutsche Bank Research
Schaper, C. et al. (2008): „Risikomanagement in Milchviehbetrieben: eine empirische Analyse vor dem Hintergrund der sich ändernden EU-Milchmarktpolitik“ in „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Hrsg.: Landwirtschaftliche Rentenbank, Schriftenreihe Band 23
Teia AG: Onlinekurs „Unternehmensführung“ unter www.teialehrbuch.de, abgerufen am 29.08.2011
Wurst, T. (2011): „Risikomanagement und Unternehmenswachstum“ Workshop der AVS-Konferenz 02.2011





