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Risikosteuerung – wie können Risiken in der Landwirtschaft gesteuert werden?

 

Zunehmende Preisschwankungen auf den Agrarmärkten werden von Landwirten als eines der größten Risiken angesehen. Nachdem zuvor die verschiedenen Risiken für landwirtschaftliche Betriebe identifiziert, bewertet und aggregiert wurden, kann anhand dieser Ergebnisse eine Strategie zur Risikosteuerung entwickelt werden. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Instrumente dafür zur Verfügung stehen.

 
Risikosteuerung – wie können Risiken in der Landwirtschaft gesteuert werden?

 

In der 3. Phase des Risikomanagementprozesses, der Risikosteuerung, liegt der Fokus auf der Risikobewältigung durch Strategien und Maßnahmen, die darauf abzielen, die Unternehmensrisiken auf ein akzeptables „Restrisiko“ zu begrenzen und gleichzeitig die Chancen des Betriebes zu fördern.

 

Das Portfolio an schadensmindernden Strategien und Maßnahmen muss dabei für jeden Betrieb individuell zusammengestellt werden, da es davon abhängt, in welcher Risikosituation der Betrieb sich befindet, wie risikoavers oder –freudig der Betriebsleiter ist, sowie von seinen Risikomanagementfähigkeiten und von den aktuellen Möglichkeiten des Betriebes z.B. zur Eigenkapitalerhöhung oder Risikoverminderung.

 

Die bedeutendsten Steuerungsmaßnahmen sind:

  • Risikovermeidung
  • Risikoverminderung
  • Risikoüberwälzung auf andere
  • Risikoübernahme und –akzeptanz

 

Instrumente der Risikovermeidung:


  • Geschäftsverzicht: d.h. Verzicht auf eine rentable, aber sehr risikobehaftete Investition oder auch die Einstellung einer unternehmerischen Aktivität oder eines Geschäftsfeldes (z.B. Unterlassung des Einsatzes von Gentechnik)
  • Veränderung / Abänderung der Unternehmensstrategie, eines Managementbereichs, eines Produktionsverfahrens etc.
  • Vermeiden von Bürgschaften u. ä.
  • Abhängigkeit von einem einzigen Kreditinstitut, Lieferanten oder Abnehmer vermeiden
  • Sorgfältige Planung und Prüfung von Investitionen und speziell von unwiederbringlichen Ausgaben

 

Die Studie der Landwirtschaftlichen Rentenbank ergab allerdings, dass der Ausstieg aus der Milchproduktion bzw. der Investitionsstopp in diesem Geschäftsfeld nur für die wenigsten Landwirte eine Strategie darstellt.

 

Instrumente der Risikoverminderung:

 

  • Kooperationen bilden:

    • Betriebskooperationen
    • Einkaufskooperationen für Produktionsmittel (z.B. Futtermittel, Technik, Dünger etc.)
    • Verkaufskooperationen
  • Diversifikation: Aufbau neuer Betriebszweige bzw. Ausweitung des Produktionsprogramms zur gegenseitigen Risikokompensation
  • Erschließen von Nischen (z.B. Direktvermarktung, Käsespezialitäten, Vorzugsmilch etc.)
  • Sicherstellung strategischer Flexibilität z.B. durch Einsatz eines Lohnunternehmers statt eigener Investition
  • Sicherstellung ausreichender Liquiditätsreserven und freier Kreditlinien
  • Einsatz technischer Hilfsmittel wie z.B. Brandmelder etc.
  • Schadensverhütende Maßnahmen, wie z.B.:

    • Einhaltung von Sicherheitsvorschriften und Hygienevorgaben
    • Beachtung von Herkunfts- und Quarantäneregelungen für Zukauftiere
    • Tiergerechte Haltung und Fütterung
    • Bestandsbetreuung durch Tierarzt
    • Sachkundigen Ausbildung im Umgang mit Maschinen
    • Regelmäßige Wartungs- und Kontrollarbeiten
    • Inanspruchnahme von Herstellergarantien
    • Finanz- und Risikoplanung
    • Ausbildung der Mitarbeiter
  • Sicherstellen der Vertretbarkeit und Ersetzbarkeit eines jeden Mitarbeiters:
    • Detaillierte Arbeitsanleitungen der verschiedenen Tätigkeitsbereiche hinterlegen
    • Vorhalten von einem "Notfallordner", der alle wichtigen Unterlagen und Informationen für einen Notfall enthält: z.B. Ansprechpartner bei Banken, Versicherungen, Landhandel usw.

 

Eine Diversifizierung durch neue Betriebszweige sowie eine Differenzierung durch Nischenprodukte stieß in der o.g. Studie eher auf Ablehnung. Die befragten Landwirte tendierten hingegen zu einer weiteren Spezialisierung des Betriebszweiges Milchvieh (s.u.).

 

Instrumente der Risikoüberwälzung:


  • Versicherungen:

    • Mehrgefahrenversicherung
    • Indexversicherung
    • Ernteversicherungen (Ertragsausfall)
    • Hagelversicherung
    • Tierseuchenversicherung
    • Gebäudeversicherung
    • Betriebshaftplichtversicherung
    • Berufsunfähigkeitsversicherung
    • Rechtsschutzversicherung
    • Umwelthaftplichtversicherung
    • Betriebsunterbrechungsversicherung
  • (langfristige) vertragliche Absicherung und Kontrakte mit Lieferanten (z.B. Landhandel) und Abnehmern (z.B. Molkerei)
  • Derivate (z.B. Wetterderivate): Handel von Futures und Optionen an (Waren-) Terminbörsen zur Absicherung von Marktpreisschwankungen
  • Pachtpreisanpassungsklauseln

 

Risikoversicherungen werden bereits größtenteils von Landwirten genutzt. Auch Kontrakte mit Lieferanten und Lieferverträge mit Abnehmern sind verbreitet. Die Absicherung von finanziellen und Produktionsrisiken über Derivate und Futures werden weniger angewandt, sie sind jedoch besonders für größere Betriebe oder Kooperationen ein interessantes Instrument der Risikominderung.

 

Instrumente der Risikoübernahme und –akzeptanz:

 

  • Erhöhung des Eigenkapitals
  • Bildung von Rückstellungen und Reserven
  • Produktivitätssteigerung
  • Rationalisierung
  • Wachstumsstrategien
  • Spezialisierung
  •  …

 

Insgesamt scheinen Wachstums- und Spezialisierungsstrategien zur Kostensenkung den größten Zuspruch zu finden. Die Reservebildung wird vor allem für Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit und geringem Schadenspotential eingesetzt, die dann bei Eintritt vom Betrieb selbst getragen werden.

 

Weitere Maßnahmen zur Risikoreduzierung:


  • Verbesserung des Informations- und Kommunikationsprozesses im Unternehmen
  • Regelmäßige Zusammenarbeit mit einem unabhängigen externen Berater, um Betriebsblindheit zu vermeiden
  • Verkauf von ungenutztem Anlagevermögen z.B. zur Schuldentilgung
  • Regelmäßige Marktbeobachtung zur Früherkennung von Änderungen, Tendenzen etc.
  • Stetige Informationsbeschaffung
  •  …

 

Staatlich politische Maßnahmen:

 

  • Subventionen
  • Direktzahlungen
  • Ad-hoc-Hilfen und Katastrophenhilfefonds
  • Handelsinterventionen
  • Preisstützung
  •  …

 

Lesen Sie dazu auch die vorangehenden Artikel über Risikomanagement:

 

1. Artikel: "Dürre, Preisschwankungen und Co. in kontrollierbare Risiken umwandeln"

2. Artikel: "Risikoidentifikation auf landwirtschaftlichen Betrieben"

3. Artikel: "Risikobewertung und Aggregation - bedeutende Risiken auf Milchviehbetrieben"

5. Artikel: "Risikocontrolling - Kontrolle der Risikomanagement-Maßnahmen"

 

Artikel geschrieben von M.sc. agr. Johanna Einerhand, Marketing Assistenz Alta Genetics

 

Quellen:

 

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Präsentation

Schaffnit-Chatterjee, C. (2010): „Risikomanagement in der Landwirtschaft – Auf dem Weg zu marktorientierten Lösungen in der EU“, Hrsg.: Deutsche Bank Research

Schaper, C. et al. (2008): „Risikomanagement in Milchviehbetrieben: eine empirische Analyse vor dem Hintergrund der sich ändernden EU-Milchmarktpolitik“ in „Risikomanagement in der Landwirtschaft“, Hrsg.: Landwirtschaftliche Rentenbank, Schriftenreihe Band 23

Söth, S. & Rothe, S. (2011): Der Mensch als Erfolgs- und Risikofaktor", Artikel erschienen im Bauernblatt, Ausgabe 44

Teia AG: Onlinekurs „Unternehmensführung“ unter www.teialehrbuch.de, abgerufen am 29.08.2011

Wurst, T. (2011): „Risikomanagement und Unternehmenswachstum“ Workshop der AVS-Konferenz 02.2011

 
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